I Melted away


Es glich einer traumhaften Odyssee. Ein Wochenende lang verwandelte sich das ehemalige Tagebau-Gelände Ferropolis in eine Stätte der Exzesse. Wenn das Melt mit seinen Wagen anrollt und die Bühnen aufbaut, weiß man, dass dies die Ruhe vor dem Sturm ist. Und so geschehen auch dieses Jahr, als über 20.000 Besucher das Festival ausverkauften und für 4 Tage eine Familie im dritten Raum wurden. Wir waren ebenso dabei und berichten über das Treiben auf Parkplätzen, Campingorten, Busshuttlen und natürlich auf den Bühnen und an den Ufern dieses Areals.

Als wir bereits gegen Donnerstag Mittag das Gelände erreichten, wurden wir vom Andrang überrascht. Anscheinend nutzten viele der Kartenbesitzer ihre Option auf die Pre-Party vor dem offiziellen Festival-Beginn und wollten die Crystal Fighters, Abby und Kid Simius sehen. Und genauso wild, wie die Acts den Abend einheizen sollten, war es dann auch auf dem Camping-Gelände. Wir trafen auf Erik mit seiner Freundin Andrea, die verzweifelt noch ein letztes Plätzschen zum Nächtigen suchten. Auf circa 5m² tummelten sich nicht selten 5 verschiedene Zelte – eine willkommene Gelegenheit neue Nachbarn kennenzulernen. Erik berichtete uns, dass das Camping-Gelände gut und gerne auch ein inoffizieller Floor gewesen sein könnte – überall wurden provisorische PA-Anlagen aufgestellt und von irgendwoher fand sich auch noch ein DJ, der gerne für ein paar Stunden den Campingplatz beschallte. Gestört hat dies niemanden, im Gegenteil – hier und da nutzten die Gäste die Gelegenheit um sich schonmal für das Wochenende einzutanzen. Denn lediglich die Pre-Party-Käufer hatten auch Zugang zur offiziellen Pre-Party. Damit mussten tausende Menschen ihren Abend irgendwie auf dem Campingareal verbringen und sich selber unterhalten. Da diese “Nebenveranstaltung” so enthusiastisch ablief, kamen wir sogar zur offiziellen Party etwas verspätet ein. Auf dem Weg zum Melt-Gelände trafen wir auf die Belgierin Cecile. Seit 6 Jahren ist sie Melt-Stammgast und findet die 2013er Version sogar am gelungensten. Besonders überrascht sei sie über die Wetterbedingungen auf Ferropolis. Keine Anzeichen von Wolken, stattdessen 30 Grad und spektakulärste Naturspiele. Dieses Jahr wurden wir sogar Zeuge von traumhaften Sonnenuntergängen und atemberaubenden Vollmond-Nächten, die auf dem See zu einer weißen See Decke schimmerten. Schön!
Genauso schön war dann das erste Betreten des Festivals. In den Gesichtern der Gäste zeichnete sich erwartungsvolle Vorfreude ab und diese wurde dann auch bestätigt. Im intro-Zelt spielten eine Hand voll Acts den Schweiss bis an die Decke, gekrönt durch eine sensationelle Performance der Crystal Fighters, die eine Stunde lang einen solchen Lärm gemacht haben, dass sich sogar auf dem Camping-Gelände kleine Gruppen bildeten, die der Performance einen Kilometer entfernt lauschen konnten. Im Zelt selber flogen zur selben Zeit sämtliche Hände in die Luft und versprühten diese Ekstase, die das Melt jedes Jahr kennzeichnet. Spätestens jetzt war jeder im Melt-Feeling! Nun konnte der Freitag kommen… und wie er kam…



Morgens um halb 8 wusste man dann, wieso Oropax ein gutes Camping-Utensil sind. Die Lautstärke auf den inoffiziellen Floors war so penetrant, dass sämtlicher Schlaf früh unterbrochen werden musste. Wenn man aber Müdigkeit tolerieren kann, dann auf dem Melt – somit hatten wir einige Stunden mehr, um das komplette Areal zu inspizieren und zu genießen. Begleitet von einer sommerlichen Sonne, die uns schon morgens den Sonnenbrand in den Nacken knallte, besuchten wir den abgeriegelten Teil des Festival-Geländes, der erst 15 Uhr für Besucher geöffnet wurde. Insbesondere das Ufer an der Meltselektor-Stage war ein willkommener Ort für Abkühlungen, die bitter nötig waren. Und obwohl das Areal seit Jahren intensivst genutzt wird, ist es umso erstaunlicher, in welch klarem Zustand der See ist. Kein Müll und keine Algen, die das Gewässer verschmutzten oder unklar erschienen ließen. Und wenn dazu sogar noch der erste Soundcheck durchgeführt wird, ist es ein unvergleichbares Gefühl sich auf dem Wasser treiben zu lassen. Und so unterhielten wir uns mit unseren Badepartnern, Volunteer Tobias erklärte uns, was ihn jedes Jahr dazu antreibt, sich als Freiwilliger zu melden. “Es ist das besondere Gefühl, etwas für dieses Festival geleistet zu haben. Wenn du im Graben Wasser an die erste Reihe verteilst oder dafür sorgst, dass du Gästen ihre Fragen beantworten kannst, fühlst du dich als Teil dieses großartigen Events. Zudem kümmern sich die Verantwortlichen wirklich großartig um uns. Es ist eine besondere Ehre hier arbeiten zu dürfen.” Solch Lobpreisungen hörten wir des Öfteren. Die komplette Festival-Organisation lief mit so viel Professionalität und Herzblut ab, dass sogar wir “kleinen” Reporter immer das Gefühl hatten, dass wir wichtig sind und man möchte, dass es uns gut geht. Eine Behandlung, die nicht selbstverständlich ist und über die wir uns zu jeder Zeit sehr erfreuten – schön zu wissen, dass wir nicht die einzigen waren, die es so empfinden.

15 Uhr wurde dann der offizielle Teil des Melt-Festivals eröffnet. Zu dem Zeitpunkt ahnten noch keiner, dass der Abend mit einem der denkwürdigsten Momente geschlossen wird, denen wir je Augenzeuge sein durften. Doch vorher stand noch ein anderes Programm an. MTV-Legende Markus Kavka eröffnete den Reigen auf der Big Wheel Stage und zog sofort sämtliche Feiergeister in seinen Bann, der anschließend von Oliver Koletzki nochmal gesteigert wurde. Somit war auf der Big Wheel Stage kein Durchkommen mehr.
Stattdessen tummelten sich die Bandliebhaber auf der Mainstage zu Local Natives, die ihrerseits den perfekten Sommer-Soundtrack anboten. Für Gitarrenverliebte wie uns war sofort klar, auf welche Stage es uns die Tage hinziehen wird.

Bei einem weiteren Rundgang durch das großflächige Areal trafen wir auf Benny aus Birmingham. Obwohl es in seiner Heimat unzählige hochkarätige Festivals gibt, zieht es ihn trotzdem jedes Jahr zum Melt. Insbesondere das Gelände und die liebevoll gestalteten Details lassen ihn sich immer wieder neu ins Melt verlieben. Recht hat er, denn so gibt es dieses Jahr einen kleinen Spielplatz mit Schaukeln, diverse Fotoboxen, ein DIY-Dancefloor, der auf Bewegungen reagiert und Sounds abspielt. Und wo man auch hinblickte, wurde das Gelände liebevoll verziert. Aus Klebeband wurde sogar ein Flamingo ins Leben gerufen. Verrückt und toll!

Aber zurück zur Musik. Ab 22 Uhr folgten Schlag auf Schlag die gehyptesten Artists dieses Kontinents. Zunächst heizten Ms Mr die Gemini Stage so dermaßen ein, dass es James Blake zeitgleich auf der Mainstage schwer hatte, dagegen zu halten. Doch letztlich sorgte wieder einmal Limit To Your Love für ein gerechtes Unentschieden zwischen den beiden Artists. Direkt danach gelang es dem ersten Headliner Alt-J die Mainstage komplett zu füllen und in ein Meer aus schwebenden Händen zu verwandeln. Ein atemberaubender Anblick, wie sehr das Quartett das Publikum in den Bann zogen konnte. Jedoch folgte daraufhin ein Artist, der das komplette Melt Festival in seinen Schatten zog:


So erschien um Mitternacht auf der intro-Bühne der besondere Secret Guest: es waren KRAFTKLUB!
Diejenigen, die sich über Smartphone informierten, pilgerten nun ins Zelt – alle anderen mussten danach enttäuscht feststellen, dass sie die großartigste Show des Festivals verpassten.
Direkt beim ersten Song paarten sich Bass-Gitarre und Basedrum so perfekt, dass man nicht mehr anders konnte, als zu tanzen und zu springen. Das komplette Set war ein Spektakel, getränkt in Schweiss und Endorphinen. Dazu machte Sänger Felix auch noch eine gute Figur im Unterhaltungsprogramm. So gab es nicht nur Sitz-Pogo, sondern auch die Wall of Death und das krönende Highlight: der 8m-Sprung von einem Gerüst. Verrückt!


Nach so viel Eskalation beschlossen wir, den Freitag erst einmal ruhen zu lassen und begaben uns zurück auf den heimischen Campingplatz. Dort beschallten noch immer einige Auto-Floors das Areal – doch diesmal waren wir vorbereitet: das Oropax bescherrte uns ein kurzes Durchschnaufen!

Am Tag darauf enterten wir mit unseren DJs Spinoza und Mode Davuck die Kreidler Stage. Eigentlich war dies nur ein kleines Bierzelt, bei dem die Gäste ein Bier tranken, einen Plausch abhielten und nebenbei auf dem Fahrrad ein wenig strampelten. Eigentlich. Doch es kam alles anders!
Die Kreidler-Stage wurde zum Eskalations-Floor ausgerufen. Überall zerbrachen Bierbänke und sprangen die Menschen umher. Unfassbar. Selbst die Betreiber der Stage haben so etwas noch nie erlebt und waren fassungslos, welches Potential selbst eine solch kleine Bühne hatte, die eigentlich NICHT zum Ausrasten gedacht war. Verrückt.

Anschließend pilgerten wir wieder zum Festival-Gelände. In Begleitung von José, der uns im Shuttlebus ein wenig die Vorlieben von Spaniern erklärte. So genieße er vor allem die rhythmischen Vibes auf der Meltselektor-Stage, die ihn zeitweise sogar in die Karibik versetzten. Bei solch einem Wetter kann man es ihm nicht verübeln. Besonders freue er sich aber auf Woodkid, die er zum ersten mal sehen kann. Und so war es auch bei uns, jeder war voller Vorfreude auf die Show, von der man so viel hörte. Einem Theater gleich sollte der Auftritt von Woodkid sein, erzählte man sich. Wir wollten nun endlich wissen, wieviel an diesem Mythos dran ist.

Und ja, eine wahre Performance bot sich unseren Augen, als Woodkid dann endlich spielten. Umrahmt von zauberhaften Lichteffekten und traumhaften Visuals spielte sich Woodkid durch ein epiches Set. Die Blaskapelle tat ihr Übriges und schon war man eine Stunde lang in die Franzosen verliebt. Hach.
Vorher gesellten wir uns noch zu den Senkrechtstartern Disclosure um zu erfahren, ob sie ihrem Hype gerecht werden. Und POW! Bereits beim Intro pfefferte uns der Bass so weg, dass wir nur dank unserer treuen Begleitern den Oropax noch gerade stehen konnten. Die beiden Jungs offerierten ein wahres Brett an elektronischen Exzessen. Das Publikum dankte es ihnen mit Sprüngen und Jubelarien.
Die Babyshambles hingegen mussten weitaus weniger um die Gunst des Publikums kämpfen. Pete Doherty und seine Jungs hatten bereits vor dem Betreten der Mainstage das komplette Areal gefüllt und in gebanntes Warten verwandelt. Kommt er? Kommt er nicht?
Er kam. Und spielte ein souveränes Set seiner bisherigen Alben durch und präsentierte sogar neues Matierial seines kommenden Albums. Wir waren hocherfreut und gesellten uns nach einem ereignisreichen Tag wieder Richtung Schlafsack.

Der letzte Tag des Melt-Feelings hat uns ein wenig niedergeschlagen. Langsam realisierten wir, dass es vorbei sein sollte. Einige unserer Truppe weigerten sich, den Schlafsack einzurollen und zu packen. Man sah es einfach nicht ein, wieso man diesen wunderbaren Ort verlassen sollte. Das komplette Festival ist zu einer Community verschmolzen. Überall wurde einander zugewunken, Bier ausgegeben oder Arm in Arm mitgesungen. Und so beschlossen wir, den letzten Tag mit den Menschen zu verbringen, die das ganze Gefühl ausmachten: dem Publikum.


Maike und Jana offenbarten uns eine besondere Liebeserklärung ans Melt. Hier lernten sich die besten Freundinnen vor 3 Jahren kennen und sind seitdem unzertrennlich. Dieses Jahr versammelten sich in Form von Atoms For Peace ihre beiden Lieblingsbands zu einer Kombo und gaben somit den beiden Mädels einen perfekten Abschluss ihres Festivals.

Ebenso verliebt zeigte sich Joris aus Amsterdam. Gemeinsam mit seiner Freundin verbringt er nun den ersten Liebes-Urlaub. Wieso er sich ausgerechnet das Melt für diese Reise aussuchte? Weil er hier von so viel Liebe umgeben wird, dass selbst Venedig oder Paris keine Chance hätten.

Als wir dann von einiger Entfernung Michael und Sam fotographierten, drehten sich diese zu uns um und umarmten uns. Sie freuten sich einfach, dass wir hier sind und wir sie mit einem kleinen Bild festhalten wollen. So sei das Melt auch für Sam ein Porträt, dass er immer wieder einrahmen und überall hinstellen will.

So viel Herzlichkeit begegnete uns bei jedem Menschen, den wir befragten und erlebten. Noch immer versuchen wir die Nachwirkungen des Melt Festivals zu bekämpfen, doch die Sehnsucht und Liebe wird wohl niemals erlischen. Danke Melt für ein Wochenende der großen Künstler, kleinen Momente und ständigen Gefühle.
Wir kommen wieder, versprochen!
<3

von Chris gefunden auf pink-pong.de